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Alfons Holtgreve

Porträt eines Künstlers und Gourmets

Von Jan Hendrik Neumann

Sein in elf Szenen mit Stahlschnitten gestalteter „Märchenrundgang“ im Dornröschenschloss Sababurg, 2004 dort im Auftrag von Schlossherr Günther Koseck zur zeitgenössischen und zudem noch wetterfesten Interpretation des 1812 erstmals in Buchform erschienenen Grimm-Märchens „Dornröschen“ errichtet, gehört wohl zu den regional bekanntesten Werken des Warburger Künstlers Alfons Holtgreve (55). Doch wollte man den schon lange auch international gefragten Kreativen auf diese künstlerische Ausdrucksform festlegen, so wäre man zweifellos auf dem Holzweg. „Es gibt Hauptwege und es gibt Nebenwege, und viele Nebenwege werden zu Hauptwegen; Hauptwege versanden wieder und werden Nebenwege“ oder, um dieses leicht orakelhafte Statement – dem beiläufig absichtsvollen Hinweis des Künstlers willig folgend – kunstgeschichtlich etwas präziser aufzuladen: Nichts Geringeres als das Schlüsselwerk von Maler-Ikone Paul Klee, das 1929 nach dessen zweiter Ägyptenreise entstandene „Hauptweg und Nebenwege“ – eines der so genannten Lagen- und Streifenbilder – kann, zumindest in seiner programmatischen Grundaussage, zugleich auch als Schlüssel zum Werk und Selbstverständnis des Warburger Malers und Grafik-Designers Alfons Holtgreve gelten. „Ja, so sehe ich das“, wie der Künstler selbstbewusst betont, dem damit eine deutlich elegantere Beschreibung und zugleich Verortung dessen gelungen ist, was etwa der Surrealist Max Ernst als „Mein Vagabundieren, meine Unruhe“ beschrieb. Denn: Sich künstlerisch treiben lassen, vorzugsweise inneren Impulsen, äußeren Verlockungen, gar dem Zeitgeist folgen, und, beinahe die Regelkatastrophe, im Zweifelsfall erst den Diktionen existentieller Herausforderungen nachgeben – dieses klassische Künstlerschicksal hat natürlich auch Alfons Holtgreve erlebt, und das hautnah. Mit Vor-, Zwischen- und Nachetappen als Hausmeister, Rahmenmacher, Theatermaler, Seemann, Puppenspieler, Haussanierer und Galeriemitarbeiter schrieb sich der Sohn des Warburger Malers, Grafikers, Buchbinders und Zirkusclowns Heinrich Holtgreve nach einem Kunstgeschichtsstudium in Bochum 1977 in der Kasseler Kunsthochschule ein, in der er in den folgenden fünf Jahren nicht nur freie Grafik und Malerei studierte, sondern zeitweise sogar wohnte, mit engem privaten Kontakt zum Dreigestirn der berühmten „Kasseler Plakatschule“ jener Jahre, bestehend aus den ebenfalls in ihren Kunsthochschul-Ateliers residierenden Professoren Hans Hillmann, Gunter Rambow und – in Kassel vornehmlich Trickfilm lehrend – Jan Lenica. „Der Lenica war fast jeden Abend bei mir zum Abendessen – ich kochte schon damals leidenschaftlich gerne – und hinterher genoss er dann jeweils zwei Zigarillos. Hillmann war als Dritter im Bunde dabei“, erinnert sich Holtgreve, der in dieser Zeit bereits auf seine familiär vorgeprägten Buchbinde-Erfahrungen und sein erstes Studium aufbauen konnte, als studentischer Assistent des damaligen Kasseler Kunstgeschichtsprofessors Dr. Gunter Schweikhart: „Wenn etwa seltene Bücher für ihn kamen, musste ich die immer ganz vorsichtig kopieren und dann habe ich sie schön eingebunden, mit besonderem Vorsatzpapier und allen Finessen – das war immer große Klasse.“ Nachhaltig geprägt hat ihn nach eigenem Bekunden auch der eher unkonventionelle Lehrstil von Professor Rolf Lobeck, der seinen Studenten mit extravaganten Aufgaben nahezu das Äußerste abforderte: „Da hieß es dann: Ihr habt eine Minute Zeit zum Zeichnen, das Thema lautet „Umgefallener Mähdrescher im Weizenfeld“. Ein anderes Mal mussten wir ganz fix einen „Schwimmenden Büstenhalter auf der Werra“ zu Papier bringen“, so Alfons Holtgreve der von der imaginären Begegnung mit diesem Textilobjekt offenbar noch heute zehrt: „Alle waren begeistert, denn in dieser Minute ziehst Du den Extrakt heraus, wie so etwas aussieht, dafür holst Du wirklich das Letzte aus Deinem Hinterstübchen – eine ganz tolle Übung.“ Als hilfreich für seinen weiteren Lebensweg sollten sich auch die künstlerischen Lektüretipps von Rolf Lobeck erweisen, darunter Werke wie „Locus solus“ (1914) von Raymond Roussel, dessen auf Wortspielen und Klangassoziationen basierender Schreibstil Alfons Holtgreve möglicherweise auch beeinflusste bei der Wahl seiner zahlreichen Pseudonyme – darunter Django, Algon, Paul Superman, Pasticio, Drvogrof und Villamur – mit denen sich der Maler während jener „wilden“ Periode schmückte, in der auch seine Studienabschlussarbeiten entstanden, „eruptive Rotzmalerei“, wie er diese mit heutigem Abstand bewertet. Wild, sprühend vor Ideen, aber mit dennoch leeren Taschen – so stand der hoffnungsvolle junge Maler schließlich vor der Entscheidung, wohin die weitere berufliche Reise gehen sollte, deren greifbare finanzielle Ergebnisse allmählich immer dringlicher wurden: „Als 1984 meine erste Tochter zur Welt kam – jetzt Politologin in Frankfurt – hat mir mein alter Freund Henning von Bonin gesagt: Alfons, jetzt bist Du Vater, jetzt musst Du zusehen, wie Du Deine Familie ernährst. Das hat sich bei mir eingebrannt.“

Eine willkommene Chance auf den ersehnten Durchbruch sollte sich jedoch schon wenig später in Gestalt einer Ausstellung bieten, die Alfons Holtgreve im damals sehr populären Kasseler Café „Hans W.“ in der Friedrich-Engels-Straße bestücken sollte. „Mit meiner Malerei hätte ich da wohl kaum etwas werden können, also habe ich mich daran erinnert, dass ich während meines Studiums auch sehr viel linear gearbeitet hatte“, so Holtgreve. „Das habe ich dann allerdings dreidimensional umgesetzt, in Papier – meine Frau Anita hat dafür noch sehr schöne Applikationen genäht – und es ist eine wirklich tolle Ausstellung geworden, mit sehr großem Echo.“ In diesem Ansatz bestärkt, schickte der Hoffnung schöpfende Künstler nun kühn die Fotokopien einiger kleinerer Arbeiten an das neuem künstlerischem Input immer aufgeschlossene F.A.Z.-Magazin, das sich, wenn auch erst nach einem dreiviertel Jahr, tatsächlich meldete. „Der Art Director erklärte mir, er habe die Aufgabe, einen Illustrator für die auf 120 Titel angelegte Erzähler-Bibliothek des Fischer-Taschenbuchverlages zu finden.“ Dann seien die schicksalsschweren Worte gefallen: „Das schaffen wir nur mit Ihnen. Denn wenn ich jetzt jemanden nehme, der aquarelliert, dann fällt das mal so und mal so aus – aber mit Ihrer Art, das wird was.“ Holtgreve: „Und das war er dann, mit viel Glück, der Einstieg!“ Einem großen Artikel im renommierten Schweizer Grafiker-Journal „Graphis“ folgend, kamen bald sogar Aufträge aus Amerika und Holland, und Alfons Holtgreve erhielt in der Folge Gastprofessuren und Lehraufträge an der Universität Oldenburg, an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und auch an der Kasseler Kunsthochschule, damit – auch in kulinarischem Sinne – an seine Wurzeln zurückkehrend, denen er, bei allem Erfolg, stets treu geblieben ist: „Wenn ich koche, dann könnte ich meine Bude sofort zumachen und stattdessen eine Lokalität eröffnen“, so sein überraschendes Bekenntnis. „Denn ich muss nicht unbedingt jeden Tag Kunst machen, ich kann auch jeden Tag kochen, das ist überhaupt kein Thema. Ich koche ohnehin schon jeden Mittag, das ist absolut existentiell, und sowieso die schönste Unterbrechung von allen: Wenn man kocht, Gemüse schält, es einfach nur wunderbar duftet und schmeckt …

Den Sinn für solche Sinnlichkeiten, das tägliche kleine Glück, habe er auch immer an seine Studenten weiterzugeben versucht, sagt Alfons Holtgreve. So seien mit seinen Offenbacher Studenten etwa, nach einem Ausflug zu einem an der Nahe gelegenen Weinberg, „wunderschöne Serien von Etiketten entstanden, für den Spätburgunder eines jungen Winzers dort“, und an der Kasseler Kunsthochschule habe er mit seinen Studenten, für die dortige Cafeteria, „das Herzstück dieser Institution“, nach Jahrzehnten leerer Wände jeden Monat eine thematische Ausstellung auf die Beine gestellt, „mal zum Thema Longdrinks, mal zum Thema Sprichwörter, wie es gerade passte.“ Daher war es für ihn auch eine willkommene Aufgabe, das sinnliche Erleben in „Dornröschens Schlossküche“ mit seinen holzschnittartigen, signethaften Arbeiten für die dortigen Speisekarten graphisch zu erweitern: „Wie ich schon selbst beobachten konnte, schauen sich viele Gäste jetzt zuerst die Bilder an, bevor sie bestellen – schöne, kleine, oft unerwartete Vignetten, die eben Neugier auf die angebotenen Speisen und Getränke wecken.“ „Ich schätze das kulinarische Angebot von Familie Koseck sehr, bin öfter zum Kaffeetrinken, Vespern oder festlichen Abendessen zu Gast. René Müller, der inzwischen zu einem guten Freund geworden ist mit dem man viel Spaß haben kann, macht eine köstliche, frische Küche mit vielen regionalen Akzenten – und seine Kochkurse sind spitze. Leider gibt‘s die nur im Winter“. Auch einer von Alfons Holtgreves ehemaligen Kasseler Studenten, mit denen er einst einen Ausflug zur Sababurg unternommen hatte, hat sich inzwischen der „Sleeping Beauty“ angenommen, wie das Märchen im anglo-amerikanischen Sprachraum heißt: Im August 2010 erschien, als Auftakt einer ganzen Märchenbuchreihe und natürlich unterstützt von Günther Koseck, im Reclam-Verlag das von Markus Zefrançois neu illustrierte „Dornröschen“, zur besonderen Freude seines ehemaligen Professors Alfons Holtgreve, dem Mann mit der Märchenkarriere: „Der Markus ist einer der ganz großen deutschen Illustratoren geworden und er war mein Schüler.“