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Schluckspecht

Man schrieb das Jahr 1981. Was damals so alles passierte? Sängerin Britney Spears erblickte das Licht der Welt, ebenso ihr Kollege Milow. US-Präsident Ronald Reagan trat sein Amt an, während in Frankfurt der erste Marathonlauf über die Bühne ging. Und weiter nördlich? In der documenta-Metropole gründeten einige eher alternativ, studentisch geprägte Anhänger des Rebensaftes um Initiator Reinhard Riediger ihr eigenes Geschäft. Das bis zu sieben Köpfen zählende Kollektiv nannte seine Weinhandlung Schluckspecht.

„Cassel war Diaspora in Sachen Wein“

30 Jahre ist das nun her. „Die Gründung hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass Kassel in Sachen Wein damals geradezu Diaspora war“, erinnert sich Geschäftsführer Christoph Becker, der vor 23 Jahren als Student der Wirtschaftswissenschaften ins Unternehmen eintrat. Die Idee dazu entstand im Rahmen eines Studienprojekts zur Stadt- und Landschaftsplanung bei einem Winzer im Kaiserstuhl. Mit einem ausrangierten Krankenwagen voller Wein kehrten die Gründer nach Nordhessen zurück und machten sich voller Enthusiasmus ans Werk. Mit Erfolg. Drei Jahrzehnte später zählt das Haus zu den führenden Händlern der Region.

Und das nach bescheidenen Anfängen. Den ehemaligen, 40 Quadratmeter kleinen Frisörsalon in der Pestalozzistraße 17 im Vorderen Westen renovierten Riediger und Co. und eröffneten am 22. August 1981 ihre eigenen Geschäftsräume. Nach dem Kaiserstuhl entstanden rasch weitere Kontakte. Das galt für den kurzen Draht in die Pfalz zum heute renommierten Weingut Hammel. Hochkarätige Partner in Franken, Württemberg, im Rheingau und in Bella Italia kamen hinzu – und reichten bis nach Frankreich. Diverse Kneipen und gastronomische Betriebe gehörten ebenso zu den Kunden wie die kulinarische Topadresse La Frasca. Dort war der heutige Geschäftsführer Dimitrios Kitsu tätig. 1999 wechselte er die Seiten, als die Schluckspecht-Gruppe vier Filialen umfasste. Wein war für den gebürtigen Griechen immer schon ein „ganz selbstverständliches Lebensmittel“.

„Schon mein Großvater hat Wein angebaut und Trester gebrannt“

erläutert der Mann mit dem ansteckend fröhlichen Lachen. In den zurückliegenden 30 Jahren hat sich nicht nur das Business, sondern auch der allgemeine Weingeschmack verändert. „Damals konnte der Säuregehalt nicht hoch genug sein. Heute ist eher Weicheres und Fruchtigeres gefragt“, konstatiert Becker.

Youngster lieben spritzigen Prosecco

Mit seinen 185 Quadratmetern Verkaufsfläche an der Wilhelmshöher Allee zählt der Kasseler Schluckspecht heute zu den 100 besten Weinhändlern Deutschlands. Mehr als 800 Weine offeriert das Team. Damit deckt es nahezu alle Richtungen ab. Und bietet noch mehr. „Von Delikatessen über Feinkost, Spirituosen und Cognac bis zum japanischen Kochmesser reicht unsere Palette“, macht Kitsu deutlich und verweist darauf, dass der Geschenk-Service sowie Dienstleistungen rund um Events immer wichtiger werden.

Die Nacht der 100 Rebsorten am 23. September verspricht einiges. „Unsere Gäste erhalten die Gelegenheit, 100 Weine aus 100 verschiedenen Rebsorten zum Preis von einem Euro pro Glas zu verkosten“, blickt Kitsu voraus. Diverse Aktionen begleiten das 30-Jährige, unter anderem gibt es auf 30 Weine 30 Prozent Rabatt.
Die demografische Entwicklung der Gesellschaft beobachten die Reben-Fachleute sorgfältig. Älteren Kunden kommen sie dadurch entgegen, dass sie die edlen Tropfen nach Hause liefern – und Leergut abholen. Darüber hinaus gilt es, das jüngere Publikum anzusprechen. Etwa mit dem spritzigen Dauerbrenner Prosecco oder fruchtbetonten Weißweinen, deren Aromen Maracuja, Ananas und Papaya betonen. „Gerade die spanische Verdejo-Rebsorte findet in dem Kontext immer mehr Anhänger unter den Youngstern“, erläutert Kitsu und erwähnt das Comeback des guten alten Lambruscos. Auch die jährlich sechs bis acht Weinproben in der Oberzwehrener Filiale, jeweils begleitet von 3-Gänge-Menus, bringen manchen Newcomer auf den Geschmack.
„Wir sehen den nächsten 30 Jahren optimistisch entgegen. Denn wir sind gut aufgestellt“, so Becker. So geht der eingangs erwähnte Sänger Milow, dem viele Musik- Fans eine glänzende Karriere voraussagen,
gemeinsam mit den Weinexperten aus dem Herzen Kassels in die vierte Dekade.
Rainer Lomen

Märchenhafter Wein

Weine, die schon Jacob und Wilhelm Grimm mundeten: Michael Kugel verkostete die Inspirationsquellen der berühmten Märchensammler und Sprachforscher.

Michael Kugel

Michael Kugel

„Mir geht immer das Herz auf, wenn ich den Rhein und seine glückseligen Ufer wieder sehe.“ Diese Zeilen schrieb Wilhelm Grimm am 17. Oktober 1833 – möglicherweise bereits von Weingott Bacchus inspiriert – von seinem erklärten Lieblings-Weinberg, dem Johannisberg, einem Weinbaubereich im hessischen Weinbaugebiet Rheingau, der heute aus zwölf Großlagen und 120 Einzellagen besteht. Schon zu Grimms Zeit hatten dessen Weine einen besonders guten Ruf, im Gegensatz zu den Produkten manch anderer Weingüter, denen auch ein Wilhelm Grimm nur zu gern bescheinigte, sie seien kaum mehr als „eine Art gutartiger Essig“ Weiterlesen